Die Personal Swiss 2018 ist für mich persönlich vor allem wegen ihrer Vielzahl gehaltvoller Vorträge eine der interessantesten Messen. Schon beim vorgängigen Studieren des Programms ist mir aufgefallen, dass Human Resource Management heute sehr interdisziplinär zu verstehen ist. Das HRM hat nicht nur Schnittstellen mit den Bereichen Finance, Recht und Führung, sondern auch mit Marketing, Kommunikation, Projektmanagement, IT & Technik, Bildung und vor allem mit Psychologie. Es ist daher nicht verwunderlich, dass mich ein Vortrag besonders angesprochen hat, der ein Thema zum Inhalt hat, welches alle Menschen in der heutigen Welt betrifft.

Ein psychologischer Blick auf „die Digitalisierung“

Prof. Dr. Carmen Zahn

Die stv. Institutsleitern und Dozentin an der FHNW, der Fachhochschule Nordwestschweiz, Frau Prof. Dr. Carmen Zahn beschäftigt sich mit der digitalen Transformation, sowie Wissen und Lernen im Kontext neuer Medien. An der Personal Swiss referierte über die Digitalisierung aus psychologischer Sicht. Schwerpunkte waren das digitale Arbeiten und die digitale Kompetenz, welche heute in der Wirtschaft wichtig sind.

Zu Beginn zeigte die Psychologin auf, welche Betrachtungsebenen bei dieser Thematik eine Rolle spielen, wenn man die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Menschen psychologisch analysieren möchte. In erster Linie müssen drei intrapersonelle Ebenen untersucht werden. Dabei handelt es sich um Vorgänge, die sich innerhalb eines Individuums abspielen:

  • Kognitive Ebene
  • Motivational-emotionale Ebene
  • Handlungs-Verhaltensebene

Zudem sollte die intrapersonelle Ebene angeschaut werden, welche sich mit den Vorgängen, die sich zwischen Individuen abspielen, beschäftigt. Dazu zählen soziale Interaktionen und Kommunikation.

Die Auswirkungen der Digitalisierung sind jedoch nicht nur auf individueller Ebene zu suchen, sondern auch auf organisatorischer und nicht zuletzt auf gesellschaftlicher Ebene. Dabei enthalten diese Auswirkungen sowohl Chancen als auch Risiken mit unklaren Grenzen.

Wichtig ist aus psychologischer Perspektive, dass Digitalisierung durch Menschen gestaltbar ist, und dass dabei die Menschen in Interaktion mit digitaler Technik und in digitalen Netzwerken im Mittelpunkt stehen. (Zahn, Rack & Mateescu, in press)

Mit dieser psychologischen Arbeitsdefinition von Digitalisierung hat Prof. Dr. Zahn die Absicht hervorzuheben, dass die Menschen die Digitalisierung bestimmen und nicht die Digitalisierung die Menschen. Es muss sich also niemand ohnmächtig gegenüber der Entwicklung fühlen und Angst vor deren Folgen zu haben. Die Unternehmen und jedes Individuum bestimmt, in wie weit der digitale Fortschritt in das Bestehende Einzug finden kann.

Digitales Arbeiten

Obwohl niemand „Angst“ vor der Digitalisierung haben muss oder sollte, ist es nicht zu leugnen, dass digitales Arbeiten neben funktionalen Effekten auch dysfunktionale Effekte („Risiken“) haben kann. Nachfolgend einige Beispiele für diese Effekte:

Funktionale Effekte Dysfunktionale Effekte
  • Zeitlich-räumliche und situationale Autonomie (z.B. mobile Arbeit)
  • Freies, interessiertes und kooperatives Lernen
  • Wissensaustausch (z.B. Blogs, Communities, Social Media oder mit interaktiver Technik)
  • Kognitive Überlastung (z.B. „Heads-down“, „E-Mail-Flut“)
  • Falsche und unreflektierte Mediennutzung (z.B. Videokonferenzen)
  • Speziell in Unternehmen: Unsicherheit, Ablehnung, fehlende Motivation sich zu entwickeln

Damit nur die gewünschten, also funktionalen Effekte, eintreten und die dysfunktionalen Effekte oder Risiken vermieden werden, ist die konkrete Gestaltung digitalen Arbeitens ausschlaggebend. Diese Gestaltung umfasst sowohl technische, sozio-kognitive und motivationale, als auch Kompetenz-Aspekte.

Die Professorin weist zur Einrichtung der konkreten Gestaltungsbedingungen von digitaler Arbeit auf zwei psychologische Schnittstellen hin: die Sozio-Kognitive und die Sozio-Emotionale. Zur Beachtung der sozio-kognitiven Schnittstelle sollten die Realitäten menschlicher Möglichkeiten und Grenzen einbezogen werden, z.B. sind das Kurzzeitgedächtnis und kognitive Verarbeitungsprozesse ressourcenbegrenzt.  Um die sozio-emotionale Schnittstelle zu beachten, müssen die Bedingungen so gestaltet sein, dass die den ganzen Menschen und seine soziale Realität einbeziehen, z.B. Motivation in verschiedenen Kontexten.

Digitale Kompetenz

Im Vortrag wurde die digitale Kompetenz mit drei Kernaspekten näher erläutert und beschrieben.

Digital Literacy„, also digitale Kenntnisse oder digitale Bildung, ist deutlich mehr als nur technisches Fachwissen und Fähigkeiten (z.B. das Beherrschen spezifischer Software) zu vermitteln oder zu erwerben. Es beinhaltet ein tieferes Verständnis der digitalen Umwelt für die intuitive Anpassung an neue Kontexte und eine gemeinsame Wissenskonstruktion mit anderen. (Horizon Report 2017, S.24)

Kritische Auswahl der Tools für spezifische Aufgaben und kritische Bewertung von Informationen (z.B. Selbstbestimmtheit, Verschiedene Perspektiven, „Fake News“)

Verantwortungsvoller und angemessener Umgang mit neuen Medien (z.B. Daten, Konventionen für die Online-Kommunikation „Netiquette“), wie auch Identifikation und Verantwortungsübernahme für Plattformen & Wissensaustausch (z.B. Ehrlichkeit bspw. im Online-Handel, in Bewertungen, Rechte und Pflichten auf Sozialen Netzwerkseiten)

Digital Citizenship

Heute kann vom „Digital Citizenship“ gesprochen werden, denn die digitalen Kompetenzen müssen in der digitalen Gesellschaft angewendet werden. Diese Anwendung macht die Individuen zu digitalen Bürgern. In diesem Kontext gehört zu den digitalen Kompetenzen auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion, Kooperation und zum Lernen.

Vortrag von Prof. Dr. Carmen Zahn

Gegen Schluss des Referats betonte Prof. Dr. Zahn, dass Digitale Kompetenz nicht selbstverständlich ist und auch nicht stabil bleibt. Daher sollte persönlich, aber auch im Unternehmen, eine Kultur des lebenslangen Lernens gelebt werden.

Fazit

Zusammenfassend ist ein offener und nutzer- und nutzenorientierter Umgang mit neuen Medien und neuen Technologien zu empfehlen. Dafür plädiert auch , Leiter des Instituts für Psychologie der Westfälische Wilhelms-Universität Münster.

Mehr Informationen zum Thema Digitalisierung in Arbeit und Gesundheit finden Sie in der Playlist der FHNW Angewandte Psychologie:

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